yellow_strich Kinderportraits


Alle Kinder der School for Life haben ihre eigene Geschichte. Hier sind einige
davon. Sie wurden im September 2004, geschrieben und im September 2008
zum Teil fortgeschrieben. Es sind Geschichten von Kindern, die Lebenswillen und
Mut zeigen und mit der Verzweiflung und Trauer umgehen müssen - Geschichten
vom Ankommen, vom Weggehen und Wiederkommen, von Sterben und vom neuen
Leben.

Rote Erde

Jimmy „Jimmy“ Jator, damals neun Jahre

2004
Als Jimmy, mit seinen neun Jahren wie ein Sechsjähriger aussehend, im April 2004 zur Schule des Lebens kam, hatte er einen aufgequollenen Bauch und bekam ein zunehmend rotes Gesicht. Die Erwachsenen dachten, er habe Würmer. Das rote Gesicht konnten sie sich nicht erklären. In den ersten Tagen zog Jimmy sich oft zurück, war in versteckten Winkeln der Farm, auf dem Acker, hinter Büschen und dort, wo die Pickup-Wagen parken. Eines Tages bemerkte einer der Farmer, dass das eine Rad seines Wagens besonders sauber war. Hinter dem Wagen entdeckte er Jimmy. Der hockte auf dem Boden und leckte ein zweites, von roter Erde verkrustetes Rad ab. Er leckte die Erde von Felgen und Reifen.

In den nächsten Tagen beobachteten die Erwachsenen, wie Jimmy sich immer wieder aufmachte, um Brocken von roter Erde wie Chips in den Mund zu schieben: Jimmy, der vorher überlebt haben musste, in dem er Erde aß, und der davon nicht lassen wollte.

Die Erwachsenen versuchten, ihm Reis, Gemüse und Fleisch schmackhaft zu machen. Aber Jimmy hing an seiner Erde. Da bewachten ihn die Erwachsenen Tag und Nacht, und nochmal Tag und Nacht und das zwei Wochen lang: Sie hielten ihn ab, Erde zu schlucken und boten ihm das Essen der anderen Kinder. Danach überließen sie Jimmy sich selbst. Ein paar Tage später sagte er: "Ich esse keine Erde mehr." Da klatschten alle. Jimmy bekam einen großen Preis. Sein Gesicht sah nunmehr so braun aus wie die Gesichter der anderen Lahu auch. Gelegentlich hat er noch Rückfälle. Aber nur gelegentlich.

2008
Die Zeit, in der Jimmy Erde aß, liegt lange hinter ihm. Er hat auf der Farm eine neue Familie gefunden, eine von neun Familienverbänden, in denen die Kinder der School for Life leben. Jimmy ist ein guter Schüler, sein Lieblingsfach ist die Mathematik. Er liebt den modernen Tanz und strahlt, wenn er zusammen mit seinen Freunden auf der Bühne eine eigene Choreographie vorführen kann. Er ist der Schutzengel seines kleinen Bruders Atae, der auch auf der Farm lebt. Aber Jimmys Gesundheit ist angeschlagen. Er muss jeden Monat zur Blutwäsche und kann keine größeren körperlichen Anstrengungen ertragen. Das muss er auch nicht. Seine Familie passt auf, dass Jimmy nicht überfordert wird.

Cob aus der Kiste

Worawit "Cob" Padwong, damals, sechs Jahre

2004
Eine Hilfsorganisation brachte ihn aus einer anderen Provinz. Beide Eltern starben, als er geboren wurde. Von einer überforderten achtzigjährigen Großmutter wurde er in einer Kiste gehalten, in der einmal ein Fernseher verpackt war. Dort lebte er wie ein eingesperrter Affe, wurde geschlagen, entwickelte Symptome des Hospitalismus, hörte auf neugierig zu sein und konnte sich nichts merken, weil es nichts zu merken gab.

Als er im Alter von fünf Jahren auf die Farm kam, erschien sie ihm wie ein einziger Auslauf. Cob rannte überall herum, versteckte sich hinter Bäumen und Büschen, lugte hervor und beobachtete die neue Umgebung. Allmählich kam er näher, wählte Joy als seine neue Mutter, ließ sich herumtragen und klammerte so, dass die gleichaltrige Leon, Joy's Tochter, erst lernen musste, nicht eifersüchtig zu reagieren, sondern Cob wie alle anderen Geschwister anzuerkennen und ins Herz zu schließen.

In der ersten Zeit machte Cob überall hin, groß und klein. Als man ihm behutsam und beharrlich nahezubringen versuchte, dass es eine Toilette gab, hielt er sich tagsüber daran. Nachts nicht. Es roch merkwürdig im Raum, in dem Cob mit anderen Kindern schlief. Bis klar wurde, warum. Cob wickelte seine Geschäfte in abgelegte Wäsche und schob sie in eine versteckte Ecke.

Versuche, ihn in den Kindergarten des Dorfes Pongkum zu schicken, scheiterten. Kaum war er dort, rannte er wieder in die weite Welt hinein. Das geschah knapp ein Dutzend Mal, dann erklärte die Erzieherin, ein Kindergarten sei nichts für Cob.

Cob blieb nun tagsüber auf der Farm. Dort gab es ein Fahrrad, ein großes für Erwachsene. Cob beobachtete die Betreuer und älteren Kinder, wie sie damit fuhren. Wenn sie es abstellten, nahm er es, schob es herum, zog, das Fahrrad schiebend, weite Kreise und noch weitere, schob das Rad den Hügel hinauf und rannte mit ihm den Abhang hinunter, bewegte mit der Hand die Pedale, studierte die Bremsen, die Kette, das Lenkrad, die Räder, die Gesetze der Schwerkraft und die Trägheit der Masse.

Eines Tages stand ein kleines Fahrrad neben dem großen. Es war funkelnagelneu und hatte zu beiden Seiten des Hinterrades kleine ausgestellte Räder. Die sollten verhindern, dass das Fahrrad kippt. Cob schob das kleine neue Fahrrad auf den Hügel, rief einen Erwachsenen herbei, bat ihn, die ausgestellten kleinen Räder abzumontieren, stand oben auf dem Hügel, musterte die Strecke und sein kleines Fahrrad, setzte sich drauf und fuhr los. Den Abhang hinunter. Ohne Hilfe. Stolz wie ein kleiner König. Er fiel nicht. Er kam einfach an.

Cob fuhr nun jeden langen Tag, raste in Büsche und Beete, stürzte, zog sich Schrammen und Prellungen zu, fuhr weiter und weiter, unverdrossen. Bei Regen verstaute er die Fahrräder in seinem Zimmer und schlief bei ihnen: Bei Sonne und Regen und vielleicht auch in seinen nächtlichen Träumen war er glücklich, er hatte den Zugang zur Welt gefunden.

2008
Die Spuren der Vergangenheit sind wie weggezaubert. Nach einer dramtischen Krise, die er Dank professioneller Hilfe bewältigt hat, ist Cob stabil, weiß sich der besonderen Aufmerksamkeit der Erwachsenen sicher. Cob ist selbstbewusst geworden. Er lebt in der Familie von Khru Aor und Khro Em, die sich auf der Farm kennen gelernt und geheiratet haben. Als zwei Familienoberhäupter? Nein, drei. Con ist der große Bruder der 35 Familienkinder, ihr Anführer, der mit dafür sorgt, dass es allen gut geht. Cob ist ein Vorbild. Er macht alles selbst und zeigt, wie es geht: Wäsche waschen, kochen, abwaschen, putzen, um im Garten arbeiten. Und in der Mathematik, seinem Lieblingsfach? Da ist er sehr gut. Cob meistert sein junges Leben.

Ein doppelter Abschied

Preeyaporn "Nai" Tangswatdiwong, damals zehn Jahre
Nutpong "Long" Tangswatdiwong, damals zwölf Jahre
Ratikan "Ching" Tangswatdiwong, damals achtzehn Jahre


2004
Es muss im Jahr 2000 gewesen sein, da wachten Nai, Ihr Bruder Long und ihre Schwester Ching auf und merkten, dass ihre Eltern weg waren. Die hätten, so hieß es, verarmt und in auswegsloser Lage sich auf die Suche nach Arbeit begeben. Nach Taiwan, sagten einige. Sie seien ermordet worden, sagten andere. Sie kamen nie wieder zurück.

Ein Onkel nahm die Kinder auf. Er hatte schon drei eigene Kinder und eine Frau, mit der er sich über die Neuankömmlinge stritt. Eines Morgens wachten Nai, Long und Ching auf und sahen, dass auch der Onkel mit seiner Frau und den drei Kindern verschwunden war. Er hatte sich aus dem Staub gemacht.

Seitdem lebten Nai, Long und Ching wie Hänsel und Gretel im Dschungel in einer kleinen Hütte. Sie suchten im Wald Blätter, Insekten und Beeren, um zu überleben. Sie sind stark und fürchten sich vor nichts.

Waldgänger aus dem Dorf fanden die Kinder und erzählten ihnen von der Schule des Lebens. Da machte sich Ching, damals siebzehn, mit Nai und Long auf den Weg und brachte sie zur Farm. Sie fand, dies sei das Paradies. Ching kam immer mal wieder aus dem Dschungel und schaute nach ihren Geschwistern. Ob sie keine Angst allein im Dschungel habe? Nein, sagt sie, nichts könne sie erschrecken.

So lebte sie eine Weile weiter im Dschungel. Sie lieh sich ein kleines Motorrad von einer Freundin, fuhr frühmorgens in die Sekundarschule des Ortes Doi Saket, fuhr von dort nachmittags um vier vierzig Kilometer weiter nach Chiang Mai, arbeitete von sechs Uhr abends bis zwei Uhr nachts, fuhr zurück in den Dschungel, schlief eine kurze Weile, fuhr wieder zur Schule und nach Chiang Mai und wieder zurück und das jeden Tag und jede Nacht, bis sie nicht mehr konnte. Da kam sie dann, übermüdet und abgekämpft zur Farm und bat um Aufnahme.

Ching lebte ein Jahr auf der Farm, fuhr morgens zur Schule, kam nachmittags zurück, kümmerte sich um die Kleinen in der Gruppe, war freundlich zu jedermann und tanzte gerne. Eines Tages erfuhr sie, dass ihre Eltern nicht in Taiwan und auch nicht umgebracht worden seien, sondern wegen Drogenhandels lebenslang im Gefängnis säßen, und dass auch der Onkel über Nacht verschwunden sei, weil er vor der Polizei flüchtete. Ihren Vater, der irgendwo im Norden seine Strafe verbüßt, wollte sie nicht sehen, wohl aber ihre Mutter in einem Gefängnis in Bangkok. Dort war sie dann auch, begleitet von einem Betreuer, sah ihre Mutter hinter einer Glasscheibe, durfte eine viertel Stunde lang mit ihr telefonieren, es flossen viele Tränen, und Chings Mutter bat sie um Verzeihung.

Ching hörte, dass der Onkel der Boss der beiden Eltern und die Hütte im Dschungel sein Versteck gewesen sei, und dass der Onkel heute dicke Wagen fahre, den Drogenkrieg der Regierung überlebt habe und als 'Guide' sein dunkles Dasein verdecke. Für Ching ist die Welt in Unordnung. Nichts muss so sein, wie es zuerst aussah.

Ching ist achtzehn geworden. Sie hat die Sekundarschule abgeschlossen und sich verliebt. Niemand konnte sie halten. Sie lebt mir ihrem Freund in Chiang Mai, hat Arbeit gefunden, kommt zum Wochenende gelegentlich auf die Farm, hilft mit, fühlt sich wie zu Hause und kann sicher sein, dass ihr die Türen zur Schule des Lebens immer offen stehen.

Nai (ihr Name bedeutet "wo bist du?") hat nun die Rolle der großen Schwester eingenommen. Sie spielt klassische Thai-Gitarre und möchte später Ärztin werden. Auch Long (sein Name bedeutet "verloren") möchte Arzt werden. Er schwimmt gerne und beherrscht alles, was ein Hausmann im Dschungel können muss: auf Bäumen nach Nestern von Ameiseneiern suchen und das Geschirr abwaschen.

2008
Irgendwann tauchte der Onkel wieder auf und holte Nai gegen ihren Willen ab. Er pochte darauf, erziehungsberechtigt zu sein, und nach dem Gesetz war er es leider.

Long aber blieb. Er wuchs und wuchs und entwickelte sich zum Star der Tak-krow. Eines thailändischen Nationalsports. Es ist eine Art Volleyball mit einem aus Rattan geflochtenen Ball, der mit den Füßen gespielt wird. Long wurde nordthailändischer Meister.
Heute studiert Long, weiter unterstützt, am College für Technologie in Chiang Mai.

Der sechste Sinn

Nattachai "Boy" Taisamoot, damals sieben Jahre

2003
Im Sommer 2003: Die Mutter liegt im Sterben, im letzten Stadium von Aids hat das Krankenhaus sie nach Hause geschickt. Der Vater ist geisteskrank, meistens im Wald verschwunden und nicht in der Lage, sich um Boy zu kümmern. Die Mutter hat Boy zur Schule des Lebens geschickt. Nachts, sagt Boy, schicke sie ihm ihren sechsten Sinn. Dann weint er, packt seine Sachen, wartet das Morgengrauen ab und will ins Dorf zu seiner Mutter wandern. Wir begleiten ihn. Die Mutter stirbt langsam. Sie spricht sanft zu Boy und erklärt ihm, warum er es in der Schule des Lebens gut haben wird. Boy sagt, er brauche die Schule nicht, er habe noch 21 Bath in der Tasche, und seine Mutter habe noch 60 Bath, davon könnten sie leben. Boy trauert. Alle auf der Farm sind lieb zu ihm. Sie nehmen ihn in den Arm, wenn er weint, oft stundenlang.

2004
Im Frühjahr 2004: Boy und die Kinder besuchen die Mutter im Krankenhaus ein letztes Mal. Sie liegt, vom Vorplatz her zugänglich, in einem Saal mit anderen Schwerkranken, abgemagert bis auf die Knochen, die Haut schwärzlich, den Blick starr. Sie ist weit weg. Boy setzt sich zu ihr aufs Bett. Sie sprechen und berühren sich nicht. Boy schaut zur Wand, sitzt bewegungslos auf der Kante und wartet. Die anderen Kinder ziehen sich durch die offene Flügeltür nach draußen zurück. Boy steht nach einer Weile auf und folgt ihnen. Die Mutter erhebt sich mühsam, hält sich an einem Gestell fest und versucht, es vor sich her zu schieben. Sie kann kaum mehr laufen. Boy wartet draußen. Dann fängt er an, mit den Kindern zu spielen. Die Mutter, in der Nähe der Tür angekommen, wendet sich nach rechts zum Bad hin und verschwindet. Ein paar Tage später stirbt sie.

Im Sommer 2004: Boy lebt wie alle anderen. Er weint nicht mehr.

2008
Jede Familie auf der Farm hat einen Gemüsegarten angelegt. Frühstück und Mittagessen bekommen die Kinder in der Kantine, abends wird in der Familie gekocht. Boys Familie hat sich den Namen „Sakson“ (Glück) gegeben. Boy ist glücklich. Früher litt er still, jetzt redet er viel. Früher lief er manchmal schreiend weg, jetzt fühlt er sich in seiner Familie wohl. Er ist gut in der Schule. Am liebst aber arbeitet er im Garten. Er kennt seine Pflanzen und passt auf, dass sie gut wachsen.

Jenseits der sieben Berge

Wararee "Wow" Yooyen, damals zehn Jahre

2004
Von ganz weit her seien die Eltern gekommen. Über viele Berge seien sie gewandert. Die Mutter von China her, und wo sie den Vater getroffen hätte, wisse sie auch nicht mehr.

Hier, in der Gegend von Pongkum, ist die Familie gestrandet. Es gibt nicht nur Straßenkinder, sondern auch Straßenfamilien. Die Familie von Wow lebte auf der Straße, sucht verlassene Schuppen zum Übernachten, besitzt weder Ausweise noch eine Staatsangehörigkeit, gehört zur Kaste der illegalen Migranten, lebte auf dem Sprung und mit der Angst, jederzeit verjagt zu werden.

Von einem Unterstand tief im Dschungel versuchte Wow jeden Tag die Schule zu erreichen. Sie musste über einen großen Berg wandern. Sie kam erschöpft an, wenn die anderen schon Unterricht hatten und schlief ein, während die anderen lernten.

Wow's Mutter hörte von der Schule des Lebens, kam mit Wow auf die Farm und bat dringlich darum, ihre Tochter aufzunehmen und ihr eine gute Erziehung zu geben. Auf der Straße sei sie als Mädchen besonderen Gefahren ausgesetzt. Wir sagten zu und luden Mutter und Vater ein, den Kontakt zur Tochter so eng wie möglich zu halten.

"Zu Hause", auf der Straße, gab es 29 Tage lang nur etwas Reis, mit Chili und Salz zubereitet. Wow hat oft gehungert. Jetzt isst sie für drei und ist glücklich, hier zu sein.

Eines Tages kamen die Eltern, Phad und Nae mit Cob, einem weiteren Kind, und fragten nach Arbeit auf der Farm. Sie bekamen Arbeit und Lohn und bezogen eine Hütte auf dem Gelände. Sie wollen bleiben.
Was Wow am liebsten mag? Schweinefleisch, knusprig gebrutzelt, und Thai-Gitarre spielen. Sie will einmal Musikerin werden. Ziemlich sicher jedenfalls.

2008
Wow, whow, Superstar. Sie ist eine hoch aufgewachsene Schönheit geworden. Auf ihre dunkelbraune Hautfarbe, deretwegen sie früher, als sie noch unterwegs war, gehänselt wurde, ist sie stolz. Sie tanzt „Cats“, sie beherrscht klassische thailändische und liebt moderne Tänze. Sie ist ein Musiktalent und ein komödiantisches dazu. Ein britischer Sponsor ist willens, für die School for Life ein kleines Begabtenförderwerk auf den Weg zu bringen: „The Phoenix Reserve“. „Willst du zum Broadway? Wir helfen dir.- Wir entwerfen ein „maßgeschneidertes Ausbildungsprogramm für dich. Nur: ein bequemes Taxi ztum Erfolg bieten wir nicht. Die Mühen der Ebene musst du selbst auf dich nehmen“.

Nicht leben und nicht sterben

Titinan "Ti" Dato, damals elf Jahre

2004
Ti sieht aus wie ein Siebenjähriger, klein und schmächtig. Er will nie mehr zurück auf die Straße. Dort lebte er mit seiner Familie: vier Geschwister, eine schwangere Mutter und ein mittelloser Vater. Oft gab es nichts zu essen, weil der Vater keine Arbeit fand. Hatte er Arbeit, brachte er umgerechnet zwei Euro pro Tag nach Hause. Auch in Thailand können davon keine sechs Personen leben.

Die Mutter brachte ihn und seinen siebenjährigen Bruder Non auf die Farm. Sie bat, die beiden aufzunehmen. Auf der Straße hätten sie keine Chance. Ti sagt, am schlimmsten sei der Hunger gewesen. Jetzt wird er zum ersten Mal satt und hat ein Bett und ein Dach über dem Kopf.

Ti ist ein improvisationsfreudiger Trommler im Lanna-Orchester der Kinder. Er will Arzt werden. Und vorher Fußball spielen. Es mag sein, dass er bald wie ein Baum in den Himmel wächst.

2008
Ti gehört wie Long und Wow zur „Phoenix Reserve“. Was Long im Sport und Wow im Tanz leisten, schafft er durchs Trommeln. Ti trommelt als Solist der Gruppe „Drums of Victory“. Das Programm reicht weit in die Vergangenheit zurück, in die Zeit burmesischer Überfälle auf thailändische Königreiche. Die thailändischen Verteidiger entwickelten rituelle, von Trommeln begleitete Tänze, mit denen sie sich auf den Kampf einstimmten.

Während der Aufführung bildet die Gruppe einen Halbkreis. Zu beiden Seiten geben Perkussionisten mit Beckenschlägen den Rhythmus an. In der Mitte wird eine große Trommel von zwei Jungen gehalten. Ti beschwört diese Trommel, bevor er den ersten Schlag setzt. Ti tanzt und trommelt zugleich, es ist ein Crescendo, das im Fortissimo einer wilden Improvisation endet.

Das macht ihm so schnell keiner nach. Und deshalb hat die Gruppe „Drums of Victory“ regionale und nationale Preise gewonnen und sich dabei auch gegen professionelle Erwachsene durchgesetzt.

Und sonst? Seinen noch vor vier Jahren gehegten Wunsch, einmal Arzt zu werden, hat er beiseite gelegt. Ti spielt gerne Fußball und interessiert sich für traditionelle Instrumente. Vielleicht will er Perkussionist werden, und da ist es gut, neben merkwürdigen Instrumenten auch merkwürdige Gegenstände zu sammeln, mit denen sich Farben und Klänge erzeugen lassen.

Zwei letzte Fahrten

Noppharat "Bill" Yaitong, dreizehn Jahre 

Als der verdutzte Polizist das fahrerlose, klapprige Pickup-Auto die Landstraße entlangkommen sah, schwang er sich aufs Motorrad, fuhr hinterher, holte es ein und sah durchs Seitenfenster einen kleinen Jungen am Steuer. Der Polizist stoppte den Wagen und fragte den Jungen, ob er spinne. Der Junge zeigte auf den Rücksitz und antwortete, dort läge sein sterbender Vater. Der aidskranke Vater habe sich gewünscht, zu Hause zu sterben. Deshalb führe er jetzt von Pongkum nach Lampun. Der Polizist sah den von blutigen Geschwüren gezeichneten Vater und winkte den Jungen durch.

So fuhren Bill, damals zehn Jahre alt, und sein Vater die fünfzig Kilometer von Pongkum nach Lampun. Am Nachmittag kamen sie an. Niemand war dort. Gegen Abend starb der Vater.

Irgendwo, weit weg, wartete die aidskranke Mutter auf ihren Tod. Früher war sie Kellnerin, aber als Bill sie, lange bevor er zur Farm kam, zum letzten Mal sah, hatte man sie ihrer Krankheit wegen in einen Verschlag neben der Küche zum Tellerwaschen geschickt.

Dann, eines Tages - Bill hatte sich auf der Farm längst eingelebt - kam seine Mutter zurück, sie war von Aids gezeichnet. Nachbarn hatten schlecht über sie geredet. Sie schämte sich und wollte sich mehr um Bill kümmern. Bill zog zu ihr und besuchte, von der Schule des Lebens unterstützt, die Sekundarschule in Doi Saket. Die Schule lieh ihm zwei trächtige Kühe. Als sie gekalbt hatten, gab Bill die Muttertiere zurück und machte sich daran, die Jungtiere aufzuziehen.

Im Juli 2004 starb die Mutter. Als die Verbrennungszeremonie vorbei war, besuchte Bill an einem Sonntag die Farm, begrüßte alle Mitglieder seiner neuen Familie und sagte, er müsse nur noch einiges regeln, bevor er seinen Platz in der Schule des Lebens wieder einnehmen könne. Am Dienstag danach, es war noch früh am Morgen, brauste Bill auf einem Motorrad mit hoher Geschwindigkeit die Landstraße entlang, wollte in die Dorfstraße abbiegen, wurde aus der Kurve getragen, knallte gegen einen Telefonmast und starb auf der Stelle.

Tief im Inneren habe er es gewusst, sagen die Betreuer auf der Farm. Er habe sein Karma gespürt und sei vorher noch einmal zu seiner großen Familie gekommen, um sich zu verabschieden.

Bill wollte Naturwissenschaftler werden und war ein begnadeter Flötist. Er spielte die traditionelle Thai Flöte und konnte stundenlang auf ihr improvisieren.

Wie er das Autofahren lernte? Mit acht Jahren, einfach durchs Hingucken, wenn sein Vater fuhr.

Hin und her

Piyawalee "Kik" Thalomkham, sechs Jahre
Piyawadee "Kuk" Thalomkhan, sechs Jahre


Kik und Kuk, die Zwillinge, sind möglicherweise HIV-positiv. Vielleicht auch nicht. Das Ergebnis einer ersten Untersuchung: positiv. Das einer zweiten: negativ. Eine dritte in notwendigem Abstand steht noch aus. Kik und Kuk sind öfter krank, husten und haben Fieber. Als sie ein Jahr alt waren, starb ihr Vater an Aids. Die Mutter verschwand aus Scham. Kik und Kuk leben bei den Großeltern im Dorf. Die haben vor versammelter Elternschaft in der Schule erklärt, auch wenn sie tief im Inneren um die Möglichkeit einer Krankheit ihrer Enkel wüssten, könnten sie sie nicht akzeptieren. Das Karma der Kinder - Thais nennen es "gram" - sei wie es sei.

Anfangs untersagten die Großeltern - nach dem Schock der Erstuntersuchung - jede weitere medizinische Untersuchung oder Behandlung. Sie wollten Frieden und den Dingen ihren Lauf lassen. Dann stimmten sie doch zu.

Falls eine dritte Untersuchung wieder ein negatives Ergebnis erbringen sollte, werden sich alle freuen. Kik und Kuk werden weiter bei ihren Großeltern leben und gewiss sein, dass sie zur Schule des Lebens kommen können, wenn es die Großeltern nicht mehr gibt. Manchmal kommen Kik und Kuk schon: tagsüber an Wochenenden oder in den Ferien.

Sollte der Test positiv ausfallen, dann wissen wir, dass es in Thailand einer Pharmazeutin, Krisana Kraisintu, gelungen ist, die lebensrettenden Aids-Medikamente herzustellen. Sie hat eine Pille entwickelt, die das Virus im Körper wirksam bekämpfen kann. Für 320 Euro pro Jahr können HIV-Positive weiterleben, können Aids-Kranke ihre Sterbebetten verlassen und ein zweites Leben beginnen. Dieser Preis für ein Jahr Leben liegt um das Zwanzigfache niedriger als der Preis in Europa.

Der Besenverkäufer, der Soldat werden will

Tanakorn "Mod" Kaipanya, neun Jahre

Als Mod zwei Jahre alt war, starb sein Vater an Aids. Seine Mutter wollte nicht wahrhaben, dass auch sie infiziert sein könnte. Nun wartet sie, keiner weiß wo, auf ihr Ende. Mod wurde von seiner Großmutter aufgenommen. Er suchte im Wald nach harten Gräsern und brachte die Büschel zu ihr. Daraus knüpften sie kurzstielige Besen und bekamen zwanzig Bath am Tag. Nun fand die Großmutter, dass es bald an der Zeit sei zu sterben, und bat die Schule des Lebens, Mod eine gute Zukunft zu gewährleisten.

Mod malt gern. Er glaubt, er müsse hart sein, um mit seinem Leben zurande zu kommen. Er wolle Soldat werden, meint er. Warten wir's ab. Seit er auf der Farm angekommen ist, spielt er wie ein kleines Kind, wirkt weicher und gewinnt ganz langsam Zutrauen zu seinem neuen Leben. Er besucht seine Großmutter, wann immer ihm danach zumute ist.

Der Waldgänger

Wisanukorn "Joe", dreizehn Jahre

Joe hat in einer kleinen Hütte im Dschungel gelebt. Sein Vater starb an Aids, als er drei Jahre alt war. Die Mutter war verschwunden, vielleicht, sagte Joe, als er zu uns kam, sei sie schon gestorben. Vielleicht aber auch nicht, dann könne sie ihn noch einmal besuchen. Mit ihm in der Hütte lebte die Großmutter. Ihr Einkommen: null.

So wurde Joe zum Waldgänger, immer dann, wenn er Hunger hatte. Er weiß, wie man eine Maus ausgräbt und isst, welche Blätter genießbar sind, wie man Kleintiere mit der Zwille erlegt, Fische mit selbstgebasteltem Angelzug fängt und sich vor Schlangen und Skorpionen schützt.

Joe lebte ein paar Monate lang auf der Farm. Bis seine Mutter auftauchte. Sie, eine Prostituierte und an Aids erkrankt, kehrte von irgendwoher zurück, nahm die Diskriminierungen im Dorf auf sich, will zu Hause sterben und Joe um sich haben. So lebt Joe nun, unterstützt von uns, im Dorf und begleitet seine Mutter.

Joe kennt die härteste Gangart des Trekking: ohne alles in den Dschungel gehen und trotzdem überleben. Joe will Guide werden. Und Fußball spielen. Und wieder in die Schule des Lebens gehen, wenn seine Mutter gestorben ist.

Der arme Harry Potter

Parkpoom "Artchi" Thammegae, acht Jahre

Seine Augen blinzeln hinter dicken runden Brillengläsern. Artchi hat seine Brille am Kopf festgezurrt. Ohne sie kann er nicht mal fünf Finger vor seinem Gesicht erkennen. Wenn er lacht, und er lacht gern und verschmitzt, verwandelt sich Artchi in Harry Potter. Nur zaubern müsste er noch können.

Die blinde Mutter kam, vom Nachbarn geleitet, zur Farm und brachte Artchi. Ihre Nieren versagen, eine Dialyse kann sie sich nicht leisten, aber sie könne nun, da sie Artchi gut versorgt wisse, in Ruhe sterben und auf ein besseres Leben danach hoffen.

Für eine Weile gehörte Artchi zur kleinen Gemeinde der Schule des Lebens. Wir versuchten, Geld für die Behandlung seiner Mutter aufzutreiben, konnten sie aber nicht mehr retten. Artchi wurde mit Unterstützung der deutschen Botschaft in Bangkok von einem Arzt der Königin untersucht. Der befand, es handele sich um einen unabweisbaren Prozess der Erblindung, den man medizinisch nur bedingt verzögern könne.

Artchi begleitete seine Mutter in ihren letzten Tagen. Als sie gestorben war und wir mit Ärzten der Universität von Chiang Mai seine weitere Behandlung planten, erschien Artchis Schwester - gerade achtzehn Jahre alt geworden, volljährig und nach thailändischem Recht befugt dazu -, nahm Artchi mit nach Chiang Mai und schirmte ihn seither rundum ab. Von ihrer Mutter verlassen, will sie alles allein machen und Artchi dabei haben. Ohne Dritte. Ohne Ärzte. Ohne die Schule des Lebens.